{"id":1526,"date":"2016-01-25T13:45:09","date_gmt":"2016-01-25T12:45:09","guid":{"rendered":"http:\/\/bojournal.buergerbegehren-musikzentrum.de\/?p=1526"},"modified":"2016-01-25T14:22:38","modified_gmt":"2016-01-25T13:22:38","slug":"warum-siedeln-sich-bochum-kaum-neue-unternehmen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/bojournal.de\/?p=1526","title":{"rendered":"Warum siedeln sich in Bochum kaum neue Unternehmen an?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Anders als in fast allen anderen Gro\u00dfst\u00e4dten entwickelt sich die Wirtschaftskraft Bochums und Wattenscheids seit Jahren negativ bzw. stark unterdurchschnittlich. So nahm die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Besch\u00e4ftigten in Bochum im Zeitraum 2000 bis 2014 um 5,4% ab, w\u00e4hrend sie in NRW im gleichen Zeitraum um 6,4% zunahm (Essen +3,4%, Bonn +12,3%).\u00a0Die Arbeitslosenquote im Bereich der sozialversicherungspflichtigen Besch\u00e4ftigungen liegt in Bochum bei 11,0, w\u00e4hrend sie NRW-weit bei nur 8%, in Westdeutschland sogar bei nur 5,8% liegt.\u00a0Auch die Ums\u00e4tze f\u00fcr Lieferungen und Leistungen entwickelten sich in Bochum negativ: -6,9% im Zeitraum 2009 zu 2013, w\u00e4hrend sie in NRW (+10,9%), Deutschland (+17,7) und Dortmund (+22%) erheblich zunahmen.<\/strong><\/p>\n<p>Betrug die wirtschaftliche Leistungsf\u00e4higkeit pro Einwohner (BIP pro Einwohner in Bochum und Wattenscheid) 2012 nur 29.511 Euro, betrug diese in NRW 32.882 Euro (Essen 41.118 Euro, Bonn 59.562). Immerhin nahm die wirtschaftliche Leistungsf\u00e4higkeit auch in Bochum im Zeitraum 2000 bis 2012 um 18% zu, jedoch unterdurchschnittlich: in ganz NRW nahm sie um 28,2% zu, in Bonn um 36,8%., in Essen sogar um 37,2%.<\/p>\n<p>Wo liegen die Ursachen der negativen Entwicklung?\u00a0Auf Betreiben der neuen Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der st\u00e4dtischen Entwicklungsgesellschaft (EGR, Prof. Rolf Heyer und Ralf Mayer) wurden die genannten Zahlen der Politik, der IHK, der Handwerkskammer wie der Kreishandwerkerschaft am 15.12.15 vorgestellt. Die Folgen der bisherigen Passivit\u00e4t der st\u00e4dtischen Wirtschaftspolitik wurden schonungslos offen gelegt.So wurde deutlich, dass eine wesentliche Ursache der mangelnden Entwicklung der st\u00e4dtischen Wirtschaft eine ungen\u00fcgende Bereitstellung von geeigneten Gewerbefl\u00e4chen ist.<b>\u00a0<\/b>So gelang in Bochum im Zeitraum 2005 bis 2013 keine einzige Ansiedlungen von Unternehmen mit einem Fl\u00e4chenbedarf \u00fcber 2 ha, w\u00e4hrend der entsprechende Anteil aller Neuansiedlungen in der Metropole Ruhr bei rund 51% lag. Die st\u00e4dtische Wirtschaftsf\u00f6rderung hat es vers\u00e4umt entsprechende Fl\u00e4chen anzubieten. Also siedelten sich entsprechende Unternehmen nicht in Bochum und Wattenscheid an, sondern in anderen St\u00e4dten der Metropole Ruhr.<\/p>\n<p>Ein weiteres Problem in Bochum: Es gibt zwar in Bochum und Wattenscheid viele Fl\u00e4chen, die grunds\u00e4tzlich f\u00fcr die Ansiedlung von Gewerbe geeignet sind, \u00fcberdurchschnittlich viele sind aber mit schwerwiegenden Nutzungshindernisse belegt (in Bochum 54%, in der Metropole Ruhr nur 29%). Schwerwiegende Nutzungshindernisse liegen vor, wenn die Kosten f\u00fcr die Nutzbarmachung einer gewerblichen Fl\u00e4che (z.B. f\u00fcr Abriss, Erschlie\u00dfung oder die Beseitigung von Altlasten) so hoch sind, dass sich deren Beseitigung f\u00fcr potentielle K\u00e4ufer nicht mehr lohnt. Sonstige Nutzungshindernisse k\u00f6nnen Defizite bei \u00e4u\u00dferer Erschlie\u00dfung oder Entw\u00e4sserung, Aufwendungen f\u00fcr Teilsanierung oder mangelnder Verkaufsbereitschaft der Eigent\u00fcmer sein.\u00a0In Bochum sind insgesamt 70% aller potentiellen Gewerbefl\u00e4chen mit Nutzungshindernissen belastet, die die Ansiedlungen von Unternehmen erheblich erschweren bzw. aussichtslos machen. Zum Vergleich, in der Metropole Ruhr sind es nur 47%. Fl\u00e4chen ohne Nutzungshindernisse f\u00fcr Ansiedlungen \u00fcber 2 ha stehen sogar nur in \u00e4u\u00dferst geringem Umfang zur Verf\u00fcgung. Die Gewerbefl\u00e4chenanalyse des BfR (B\u00fcro f\u00fcr Regionalanalyse, Dortmund) und des B\u00fcros f\u00fcr Regionalentwicklung (GseProjekte, Dinslaken), dem die dargestellten Zahlen entnommen wurden, kommt zu dem Fazit: \u201eDer Anteil restriktionsbelasteter Fl\u00e4chenpotentiale\u00a0[Fl\u00e4chen ohne Nutzungshindernisse]\u00a0liegt in Bochum \u2013 im Vergleich zur Metropole Ruhr \u2013 exorbitant hoch\u201c.<\/p>\n<p>Das bedeutet, das Angebot an Gewerbefl\u00e4chen der st\u00e4dtischen Wirtschaftsf\u00f6rderung ging \u00fcber Jahre im Wesentlichen am Bedarf komplett vorbei. Entsprechend liegt auch die Leerstandsquote bei Gewerbefl\u00e4chen in Bochum und Wattenscheid \u00fcber dem Durchschnitt der Metropole Ruhr.\u00a0Diese Ergebnisse sind erschreckend und letztlich die Folge einer Politik von Rot-Gr\u00fcn, die sich bisher allenfalls am Rande mit einer Gestaltung des Strukturwandels besch\u00e4ftigt hat. So kommen mangels Bereitschaft die Probleme zu analysieren, erst jetzt, Jahre zu sp\u00e4t, die verheerenden Defizite ans Licht.\u00a0Pro Jahr werden in der Stadt Bochum durchschnittlich 4,3 ha Gewerbefl\u00e4che vermarktet. Anzustreben w\u00e4ren 10 ha, also mehr als das Doppelte.\u00a0Die bisherigen Anstrengungen der Wirtschaftsf\u00f6rderung waren somit absolut ungen\u00fcgend und wenig zielgerichtet.\u00a0Entsprechend kommt die Gewerbefl\u00e4chenanalyse zu dem Ergebnis: \u201eDie wirtschaftliche Entwicklung der Stadt Bochum f\u00e4llt hinter derjenigen vergleichbarer Gebietsk\u00f6rperschaften zur\u00fcck\u201c. Auch der Anteil sozialversicherungspflichtiger Besch\u00e4ftigter auf den gewerblich genutzten Fl\u00e4chen liegt mit rund 37% deutlich unter dem Durchschnitt der Metropole Ruhr (43%).<\/p>\n<p><b>Was ist zu tun?<\/b><\/p>\n<p>Schnellstm\u00f6glich muss die st\u00e4dtische Wirtschaftsf\u00f6rderung zu einem Angebot an Gewerbefl\u00e4chen kommen, das von ansiedlungswilligen Unternehmen auch ben\u00f6tigt und nachgefragt wird. Dazu m\u00fcssen gezielt neue Gewerbefl\u00e4chen erschlossen werden, indem die bestehenden Nutzungshindernisse abgebaut werden.Das aber ist sehr teuer. Die Beseitigung der Nutzungshindernisse (Sanierung und Erschlie\u00dfung von Fl\u00e4chen, Beseitigung von Altlasten, Abriss von nicht nutzbaren Geb\u00e4uden) ist finanziell wie organisatorisch aufw\u00e4ndig und dauert seine Zeit. Die Vers\u00e4umnisse der Vergangenheit in dieser Hinsicht m\u00fcssen jetzt so schnell wie m\u00f6glich aufgeholt werden. Die Beseitigung der Hindernisse kann bis 250 Euro\/qm Fl\u00e4che kosten. Im Mittel liegt der Finanzbedarf bei 120-150 Euro\/qm. Im Vergleich kann bei der Vermarktung in Bochum im Durchschnitt nur ein Kaufpreis von 80 Euro\/qm erzielt werden.<\/p>\n<p>Eine stadt\u00fcbergreifende Strategie zur gewerblich-industriellen Fl\u00e4chenentwicklung muss entwickelt werden. Insbesondere m\u00fcssen schnellst m\u00f6glich Fl\u00e4chen verf\u00fcgbar gemacht werden, die f\u00fcr Ansiedlungen von 2 ha oder mehr geeignet sind. Hier besteht das gr\u00f6\u00dfte Defizit. Auch m\u00fcssen Fl\u00e4chen, bei denen eine Beseitigung der Nutzungshindernisse nicht lohnenswert erscheint, aufgegeben werden und stattdessen bisher nicht in Betracht gezogene Fl\u00e4chen gesucht werden, die ggf. gewerblich nutzbar sind.\u00a0Die Kosten f\u00fcr die Beseitigungen von Nutzungshindernisse sind, auch aufgrund der bisherigen Unt\u00e4tigkeit in diesem Bereich, so hoch, dass die Stadt sie nicht alleine schultern kann, es bedarf einer Sonderf\u00f6rderung des Landes f\u00fcr Bochum. Diese wollen Politik, EGR und Wirtschaftsf\u00f6rderung beim Land jetzt einfordern.<br \/>\n<b><br \/>\nWie geht es weiter?<\/b><\/p>\n<p>Endlich haben die parteiunabh\u00e4ngigen Spitzen der st\u00e4dtischen Entwicklungsgesellschaft und der parteilose Stadtbaurat, einen Prozess angesto\u00dfen, wie der Strukturwandel in Bochum aktiv gestaltet werden kann. Es scheint so, als wollen alle Fraktionen im Rat diesen Prozess konstruktiv unterst\u00fctzen. Die erschreckenden Zahlen haben nunmehr auch die Parteien, die die Stadt seit Jahrzehnten regieren, dazu bewegt, ihre bisherige Passivit\u00e4t aufzugeben.\u00a0Jetzt ist es wichtig, dass sich die politischen Akteure nicht weiterhin nur als Beobachter des Geschehens, sondern auch als Gestalter begreifen, die selbst aktiv Ideen und Strategien entwickeln, wie der Strukturwandel in der Stadt vorangetrieben werden kann. Jede Idee und jeder Vorschlag muss vorurteilsfrei gepr\u00fcft werden, auch wenn er vom vermeintlichen politischen Gegner kommt. Das reflexhafte und kleingeistige Ablehnen fast aller Vorschl\u00e4ge durch SPD und Gr\u00fcne, die nicht aus den eigenen Reihen kommen, muss ein Ende haben. Entscheidend ist, welches Potential Ideen haben, nicht von wem sie kommen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anders als in fast allen anderen Gro\u00dfst\u00e4dten entwickelt sich die Wirtschaftskraft Bochums und Wattenscheids seit Jahren negativ bzw. stark unterdurchschnittlich. 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